Dienstag, 8. Oktober 2013

Meine Mutter, Teil 3

Schließlich schaffte es meine Mutter in letzter Minute den hohen Geldbetrag der ersten Schuldenrückzahlungsrate fristgerecht abzuliefern und somit das Haus in ihrem Besitz zu halten. Das war ihr aber nur als Prostituierte möglich. Wie bereits erwähnt, ging es dann mit dem Eintreten des Mannes, der dann auch mein offizieller Vater war, bergauf. Nachzulesen im Eintrag „Mein Vater“ vom 4. September 2013. 

Zwei außergewöhnliche Ereignisse gab es noch, auf die ich nun eingehen will. In ihren Zwanzigern wurde sie zwei Mal ungewollt schwanger. Wahrscheinlich weil sie es damals nicht so genau nahm mit der Verhütung. Ohne Kondom zu arbeiten war zwar verpönt, aber gegen einen hohen Zuschlag wurde schon mal darüber hinweggesehen. Es gab sexuell übertragbare Krankheiten, aber noch keine wie HIV. Das wirkliche Problem damals war allerdings die Tatsache, dass Abtreibung illegal war. Sie wurde zwar allerorts durchgeführt, aber im privaten Rahmen von so genannten „Engelmacherinnen“ oder von Ärzten im Hinterzimmer ihrer Praxen. Zu einem dieser Ärzte ging auch meine Mutter. Ein Mal ging es gut. Doch beim zweiten Mal fing sie nach dem Eingriff an aus dem Schritt zu bluten. Scheinbar war diesmal nicht alles ordnungsgemäß entfernt worden. Die Blutung war sehr stark, weshalb sie schnell die Kraft verlor. Sie konnte sich nur noch auf allen Vieren zum Nachbarn ins Nebenhaus retten. Dieser rief ihren Hausarzt an. Aufgrund eines Missverständnisses war dieser dann am Weg zum Nachbarn, während dieser meine Mutter in sein Auto packte und mit ihr in die Praxis des Arztes fuhr. Dadurch verging wertvolle Zeit. Letztendlich landete sie im Krankenhaus, wo die Blutung in letzter Sekunde gestoppt werden konnte. Wegen dieses Vorfalls wurden Nachforschungen angestellt und der Arzt flog auf. Er führte ein Notizbuch mit Namen aller Frauen, bei denen er illegale Abtreibungen vorgenommen hatte. Unverständlicherweise mussten all diese Frauen für drei Monate ins Gefängnis, während der Arzt nur eine bedingte Strafe ausfasste! Unfassbar! Er war ein Serientäter, der gutes Geld damit verdiente, während die Frauen wegen eine persönlichen Notsituation hilfesuchend zu ihm kamen. Auch meine Mutter musste trotz des lebensbedrohlichen Vorfalls wegen der verpfuschten Abtreibung ihre Strafe absitzen. Erst 1974, kurz vor meiner Geburt, wurden Abtreibungen legalisiert.

Im Eintrag von 2. September erwähnte ich einen Vorfall, bei dem mein Vater auf meine Mutter schoss. Der Grund war mein leiblicher Vater Pepi Matauschek. Er war mit meiner Mutter als Kunde im Keller. Mein Vater war auch im Haus. Obwohl er von Anfang an wusste, worauf er sich eingelassen hatte und finanziell erheblich davon profitierte, kam es an diesem Tag zum Eklat. Innerlich hatte er wohl ein Arrangement gefunden: Er teilte seine Frau mit anderen Männern und das ist auch solange in Ordnung, solange sie dafür bezahlt wird und dies vor einem beruflichen Hintergrund passiert. Im konkreten Fall heißt das, sie darf es nicht genießen. Bei Pepi Matauschek war aber mehr im Spiel, nämlich Liebe. Und so kam es, dass ihre sexuelle Erregung nicht zu überhören war. Als Reaktion darauf leerte er eine Cognac-Flasche und holte eine der beiden Schusswaffen aus ihrem Versteck. Als Pepi Matauschek gegangen war, stellte er meine Mutter zur Rede. Provokant antwortete sie: „Na dann schieß doch, dann ist alles vorbei und überstanden.“ Er wollte nicht feige wirken und drückte ab. Das Projektil ging an ihr vorbei und blieb in der Wand stecken. Danach brach er volltrunken bewusstlos zusammen. Meine Mutter rief die Rettung, die ihn nach Gugging brachte. Der Vorfall wurde auch von der Polizei protokolliert. Tags darauf besuchte sie ihn. Er war im geschlossenen Bereich untergebracht und steckte in einer Zwangsjacke. Er flehte darum, wieder nach Hause zu dürfen. Die Ärzte fragten meine Mutter, welche Angehörigen er sonst noch hätte, denn für eine Entlassung müsste jemand für ihn bürgen. Zu diesem Zeitpunkt waren sie noch nicht verheiratet, weshalb sie eigentlich nicht in Frage kam. Doch seine Mutter war zu alt und ich zu jung und sonst hatte er niemanden. Dies wäre ein perfekter Zeitpunkt gewesen, sich von ihm zu trennen. Aber ihr war die Familie, oder vielleicht nur das, was davon als Schein nach außen tritt, wichtiger. Und so bürgte sie für ihn, nahm ihn mit nach Hause, holte seine Mutter aus ihrer Wohnung im 10. Bezirk und mich aus dem Internat. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch Volksschüler. Dann verbrachten wir das darauf folgende Osterwochenende gemeinsam als ob nichts geschehen wäre.

Wie schon erwähnt, machte meine Mutter eine Pause vom Straßenstrich von meiner Geburt an bis sie ca. 44 Jahre alt war. Dann stellte sie sich wieder 14 Jahre lang Ecke Hackengasse Felberstraße auf. Ihre zweite Karriere war nicht mehr so glamourös wie ihre erste. Speziell gegen Ende kamen vorwiegend Männer mit Migrationshintergrund zu ihr, die knapp bei Kassa waren und beim Preis feilschten. Damit sie nicht stundenlang stehen musste, ließ sie dann immer öfter diesbezüglich mit sich reden, speziell im Winter wenn es sehr kalt war. Ihr Auto, ein weinroter Mercedes 190E, war so umgebaut, dass sie die Kunden darin abfertigen konnte. Der Vordersitz war ausgebaut und sie mietete eigens dafür einen Parkplatz im Parkhaus am Westbahnhof, denn die meisten Kunden konnten sich kein Hotelzimmer leisten. Dieses Auto war auch jenes, mit dem ich die Praxisstunden außerhalb der Fahrschule machte (das sogenannte L) und das ich dann die erste Zeit benutzen durfte, bis ich zur Matura dann mein eigenes Auto bekam. Meine Freunde fragten sich, warum der rechte Vordersitz fehlte. Ich begründete das mit dem zusätzlichen Platz, den man beim Einkaufen bräuchte um Kisten zu transportieren und dem dafür zu kleinen Kofferraum.

Meine Mutter hatte nach meinem leiblichen Vater auch noch eine andere große Liebe. Sein Name war Erich. Sie kannten sich schon sehr lange, doch gefunkt hatte es erst, als sie um die 50 war. Offiziell war er dann als zusätzlicher Taxifahrer bei ihr angestellt und natürlich auch Kunde. Doch in diesem Fall zahlte nicht er jede Samstagnacht, sondern sie sparte das Geld heimlich weg und legte es dann als Verdienst vor, damit kein Verdacht seitens meines Vaters aufkam. Er war der einzige Kunde in dieser Nacht und kam zu uns nach Hause. Ich traf ihn immer wieder nachdem ich vom Ausgehen nach Hause kam. Das war der einzige Kunde, den ich näher kennen lernte. Er mochte mich und ich ihn. Weil sich die beiden schon vor meiner Geburt kannten, meinte meine Mutter öfters im Halbspaß, er hätte auch mein Vater werden können. Ich entgegnete dem immer, dass ich dann nicht ich wäre. Doch eines ist sicher: Ihn lernte ich besser als meinen echten Vater kennen. Er war früher ein echter Strizzi und hatte Kontakt zur Unterwelt, als er Pächter eines Kaffeehauses war, in dessen Hinterzimmer Stoß gespielt wurde. Das ist ein illegales Kartenspiel um Geld. So gesehen passten die beiden gut zusammen. Was nur hier zum Tragen kam war wieder ihre Heimlichtuerei, in die ich auch diesmal verwickelt wurde.

2002 wurde mein Vater 65, hörte mit dem Taxifahren auf und ging offiziell in Pension. Der Plan war, dass sie gemeinsam mit dem Arbeiten aufhören. Meine Mutter war sieben Jahre jünger, trotzdem war es höchste Zeit, denn die Kunden wurden immer schlechter. Mit 58 durfte sie aber von der Pensionsversicherungsanstalt aus nicht in den Ruhestand. Für eine Frühpension vor dem 60. Geburtstag fehlten ihr die Versicherungszeiten. Die Zeiten in den Heimen, in der sie harte Zwangsarbeit verrichtete, schienen nicht auf. Also wurde sie an das AMS verwiesen. Was hätte sie dort mit 58 Jahren ohne Erfahrung in einem normalen Job machen sollen? Also waren meine Eltern gezwungen, rund zwei Jahre lang von seiner kleinen Pension (knapp über 1.000 Euro) und von Gespartem zu leben.

Es gibt unzählige interessante, spannende und schockierende Geschichten, die meine Mutter aus ihrer Zeit als Prostituierte erzählen könnte. Aber das ist ein eigenes Thema, von dem ich in diesem Kontext hier nur fragmentarisch berichten könnte und schon gar nicht will. Hier geht es mir um mein Erleben mit dem, was sie mir zugemutet hat und vor welchem Hintergrund das alles geschehen ist.

Der nächste Eintrag behandelt das Ableben von ihrem langjährigen Wegbegleiter, jenem Mann, der auch  am ehesten ein Vater für mich war und der Zeit danach. Es folgt quasi der große Showdown.

Anfang 20, das erste eigene Auto, ein Gogomobil.
Haus und Garten ganz neu und frisch hergerichtet
Mitte 20 mit Hexi
28-jährig: Familienidylle noch ohne mich
Ende 70er: So habe ich ihn in Erinnerung. Mein "Vater" und sein Taxi.

Dienstag, 24. September 2013

Meine Mutter, Teil 2

Mit einem Stundenlohn von ein paar Schilling aus der Arbeit in der Fabrik war es unmöglich, die 5.000 Schilling aufzutreiben. Ja, irgendwann vielleicht. Aber Krebs kennt keine Geduld und somit beschloss meine Mutter Geld für sexuelle Dienstleistungen zu verlangen. Auf die Idee kam sie, als sie per Autostopp regelmäßig von Purkersdorf nach Wien und retour unterwegs war. Die öffentlichen Verkehrsmittel nahmen damals noch keine Rücksicht auf die Sperrstunden des Tanzlokals in Hütteldorf und somit war sie spätabends auf diese Transportmöglichkeit angewiesen. Einmal wollte ein Mann etwas von ihr, als er sie im Auto mitnahm. Sie verlangte Geld dafür und bekam es. Ab dann nützte sie jede freie Minute neben der Arbeit in der Fabrik dafür, in Purkersdorf und Umgebung an der Straße zu stehen und Geld zu verdienen.

Sie war kurz davor die 5.000 Schilling beisammen zu haben, als sie von der Polizei aufgegriffen und vom Jugendamt wieder fremduntergebracht wurde. Als schon aktenkundige Jugendliche kam sie diesmal in eine Erziehungsanstalt nach Wiener Neudorf, die für ihre brutalen Erziehungsmethoden bekannt war, die „Bundesanstalt für erziehungsbedürftige Mädchen“, geführt von den „Schwestern vom Guten Hirten“. Neben der Anstalt „Kaiser-Ebersdorf“ für Buben galt diese als „Endlager“ aufmüpfiger Jugendlicher. Unter Mitwirkung des prominenten österreichischen Psychiaters Erwin Ringel passierte dort Schreckliches mit den Mädchen. Beispielsweise wurden sie dazu gezwungen ihr Erbrochenes wieder zu essen. Wie im Gefängnis gab es die Älteren, die Frischankömmlinge brutal misshandelten, einfach weil es bei ihnen auch so war. Die Nonnen sahen weg, weil sie sich bei der Einschüchterung somit nicht selbst die Hände schmutzig machen mussten. Waren sie später noch immer widerspenstig und ungehorsam, kamen sie in die "Korrektion". Das war ein Verlies im Keller, wo man eine Art Einzelhaft absitzen musste. Der Raum war kalt, dunkel und ohne Möbel. Abends wurde ein Strohsack hineingeworfen, der in der Früh wieder abzugeben war.

Die Insassinnen mussten den ganzen Tag schwere Arbeit leisten. So gesehen war diese Anstalt ein Zwangsarbeitslager, in dem einem die Identität geraubt wurde. Den persönlichen Namen mussten die Mädchen beim Eintritt abgeben genauso wie die eigene Kleidung. Stattdessen mussten sie in die taubengraue, kratzige Anstaltskleidung schlüpfen. Unterhose gab es eine pro Woche, die am Ende kontrolliert wurde, ob sie eh nicht schmutzig ist. Warmwasser beim Duschen war die Ausnahme. Wenn es Besuch der Behörden gab, wurde alles schön hergerichtet und es gab gutes Essen. Aber nur dann. Der Alltag bestand aus Gebet, harte Arbeit und Erniedrigung mit den Worten: „Wir können mit euch machen was wir wollen, denn euch mag draußen eh niemand, sonst wärt ihr nicht hier.“

Als kurze Zeit später die Adoptivgroßmutter stirbt, bekommt meine Mutter nur einen Tag Ausgang für das Begräbnis. Während ihre Adoptivmutter oft geschäftlich zu tun hatte, war es sie, die fast immer für das Mädchen da war. Mit 19 Jahren erreichte sie dann die Großjährigkeit und wurde in die Freiheit entlassen. Ihrer Adoptivmutter ging es da gesundheitlich schon sehr schlecht und das Haus war noch immer nicht fertig gebaut. Ganz im Gegenteil, weil es nicht fertig war, wurde es schon wieder leicht baufällig. Doch statt Geld für die Instandsetzung gab es nur Schulden. Nur vier Monate nach der Entlassung stirbt auch die Adoptivmutter. Die Nacht nach dem Begräbnis übernachtete meine Mutter am Friedhof neben dem Grab.

Schon bald darauf meldeten sich die Gläubiger, bei der sich ihre Adoptivmutter Geld ausgeliehen hatte. Haus und Grund waren die einzigen Dinge von Wert. Das Gericht entschied, dass alles verkauft werden muss, damit die Gläubiger ihr Geld bekommen. Meine Mutter sollte dafür eine kleine Wohnung in Wien erhalten. Ein Termin wurde auch fixiert, bis zu dem eine erste hohe Rate fließen sollte, sonst würde die Versteigerung in die Wege geleitet. Meine Mutter hatte ganz allein mit ihren 19 Jahren keine Möglichkeit ohne Berufsausbildung diese hohe Summe in der kurzen Zeit aufzutreiben.

Hier gab es eine Weiche in ihrem Leben. Entweder die Chance mit der Wohnung nützen, was bedeutet schuldenfrei ein neues Leben in Wien zu beginnen mit einer Ausbildung zum Traumberuf Krankenschwester oder den Versuch wagen, fristgerecht das Geld zum Gericht zu bringen. Sie entschied sich für letzteres und ebnete damit den Weg in die Prostitution. Sie verkaufte ihre Seele für ein Stück Land, das davor eine Müllhalde war, mit einem unfertigen Haus darauf und einem Haufen Schulden.

Meine Mutter mit 17 Jahren
Das neu erbaute Haus, wie es im besagten Zeitraum aussah

Dienstag, 17. September 2013

Meine Mutter

Jene Person, über die ich bis dato am wenigsten geschrieben habe, ist meine Mutter. Sie ist die zentrale Figur in dieser Geschichte. Deshalb habe ich sie mir für zuletzt aufgehoben. Mit ihrem Leben sind alle bisherigen Episoden verwoben. Was nun kommt wird einiges erklären, aber es ist keine Entschuldigung für das Leid, das sie mir zugefügt hat. Wie jeder Mensch hatte auch sie immer mehrere Entscheidungsmöglichkeiten und als erwachsene Person muss auch sie die Konsequenzen ihres Handelns zu hundert Prozent verantworten – bis zum heutigen Tag.

Meine Mutter wurde als Elisabeth Lanzenbacher am 14. März 1944 geboren, also mitten im Krieg. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon zwei um ein paar Jahre ältere Geschwister in der Familie. Ihre Eltern lebten als Bauern und bestellten einen Hof in Atzling, nahe Pyhra bei St. Pölten. Ihr Vater war Soldat. Auf einem Heimurlaub war die Hochzeit mit seiner schwangeren Frau geplant. Doch eine Biene stach ihn im Gesicht, das daraufhin so sehr anschwoll, dass die Hochzeit auf den nächsten Heimurlaub verschoben wurde. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen, er kam nie wieder aus Russland zurück. Und so kam meine Mutter als Halbwaise zur Welt. Der entbindende Dorfarzt kam zu dem Schluss, dass der jungen Mutter sicher alles über den Kopf wachsen würde. Ohne Mann zwei Kinder aufziehen und noch den Hof bestellen wäre schon genug Herausforderung. Da passte ein Neugeborenes nicht hinein. Deshalb leitete er eine Adoption in die Wege.

Adoptiert wurde sie von einer Frau, die zwar mit keinem Mann liiert war, aber noch mit ihrer Mutter zusammen lebte. Somit hatte meine Mutter eine Mama und eine Oma gewonnen. Eine fixe männliche Bezugsperson fehlte aber. Ihre neue Mutter war Geschäftsfrau und hatte einen Modezeitschriftenverlag. Das besondere an den Heften war, dass darin Schnitte für die selbständige Erzeugung von Kleidungsstücken abgedruckt waren. Gemeinsam mit einer Nähanleitung konnte frau damit ein Stück Stoff zu einem neuen Kleidungsstück verarbeiten. Nach dem Krieg hatten wenige Familien das Geld für Gewand aus dem Kaufhaus. Somit waren diese Hefte begehrt. Sie lebten zu dritt in einer Wohnung eines Mehrfamilienhauses in Gablitz. Das Geschäft lief gut und deshalb sollte ein Haus her. Ihre Adoptivmutter pflegte immer wieder Beziehungen zu Männern.

Einer dieser Männer, sein Name war Weidinger und von Beruf Polizist, spielte dann eine nicht unwesentliche Rolle in ihrem Leben. Er hatte schon eine Tochter aus einer vorangegangenen Beziehung. Diese brachte er in die Verbindung zur Adoptivmutter ein. Immer wenn meine Mutter mit ihr gemeinsam unterwegs war musste sie als die ein wenig ältere der beiden auf sie aufpassen. Dieser Mann entsprach dem Klischee des bösen Stiefvaters. Bei Vollmond betrank er sich, kam dann in der Nacht nach Hause, wurde aggressiv und war in Prügellaune. Er schlug sie oft, auch ungerechtfertigter weise, wenn seine Tochter etwas angestellt hatte, und benachteiligte sie wo er nur konnte. Zu den Strafen gehörte auch das Knien auf einem Sack mit rohen Erbsen. Mit ihm begann ihre Adoptivmutter ein Haus in Purkersdorf zu bauen. Als es fast fertig war beschloss er, wieder zu der Mutter seiner Tochter zurück zu kehren. Im Zuge dessen stellt er die gesamten Arbeitsstunden am Haus inklusive Aufstellung mit jeweiligem Datum in Rechnung. Als hätte er das von Anfang an geplant gehabt. So viel Geld war flüssig nicht verfügbar und somit wurde der erste Kredit aufgenommen. Ein fataler Fehler, denn mit dem Wirtschaftsaufschwung brach auch das Geschäft mit den Modezeitschriften ein, was ein späteres, wiederholtes Aufstocken des Kredits unumgänglich machte. Also anstatt die Schulden abzubauen, wurden sie stetig mehr.

Einmal war „der Weidinger“, wie sie ihn bis heute nennt, mit meiner Mutter aus irgendeinem Grund allein im Wald unterwegs. Sie war damals 12 oder 13 Jahre alt. Er nützte die Gelegenheit und betatschte sie anzüglich. Sie ließ es sich gefallen, sagte aber dann, sie würde es verraten, wenn er sie weiter so schlecht behandle. Ab dann war es besser mit ihm. Die Lektion war, dass sie mithilfe ihres begehrenswerten Körpers bei Männern das erreichen kann, was sie will. Mit dieser Erkenntnis ging sie raus in die Welt und stürzte sich in ihr junges Leben. Aber scheinbar nicht so, wie es sich zu dieser Zeit für einen weiblichen Teenager gehörte, denn das Jugendamt wurde auf sie aufmerksam.

Damals war sie jung, wild, ungehorsam und trieb sich schon mit Buben herum. Heutzutage wäre ihr Verhalten ganz normal. Doch die Fürsorge steckte das „schlimme Mädchen“ zur Strafe ins Kloster zum Guten Hirten in Obersiebenbrunn. Ohne Vorankündigung wurde sie in einer Nacht- und Nebelaktion in der Silvesternacht 1957 auf 1958 von der Polizei im Nachthemd abgeholt. Ihre Mutter konnte nichts dagegen tun. Im Erziehungsheim musste sie sechsmal am Tag beten. Eines Tages fiel sie in der Kirche um. Was sie damals nicht wusste: Sie war schwanger, aus der Zeit vor dem Heim. Der Mann, mit dem sie zu dieser Zeit in Beziehung war bekannte sich zu dem Ungeborenen. Er war schon 24 Jahre alt und hatte eine abgeschlossene Lehre. Gemeinsam mit der Adoptivmutter wollte er mit einem Strauß Blumen seine schwangere Freundin besuchen, doch die Verantwortlichen ließen ihn nicht zu ihr. Ihnen wurde gesagt, dass sie beide zu jung für eine Elternschaft wären. Da half es auch nichts, dass sich die Schwiegereltern sogar bereit erklärten, das Kind die ersten Jahre in Pflege zu nehmen. Meiner Mutter wurde der Kontakt zu ihm verboten, und weil nicht klar war, wann sie aus dem Heim entlassen wird, ging die Beziehung in die Brüche.

Doch nicht schon genug des Unglücks, erpressten sie die junge Mutter mit ihrer zuvor geraubten Freiheit. Sie schlugen ihr folgenden Deal vor: Sobald das Baby geboren ist gibt sie es zur Adoption frei und an jenem Tag, an dem neue Eltern gefunden sind, bekommt sie ihre Freiheit zurück und wird nach Hause entlassen. Ein Deal, wie aus der Feder des Teufels, untergebracht war sie aber bei Nonnen. Als 14-Jährige war ihr die Freiheit wichtiger. Sie willigte also ein und musste darüber hinaus noch unterschreiben, dass sie nie Nachforschungen nach ihrem Sohn anstellen würde.

Noch schwanger wurde sie in ein Mütterheim nach Graz gebracht, in dem es strikte Arbeitszeiten gab: 7:30 bis 12 Uhr und 13:30 bis 18 Uhr. Wochenlang strickte sie Pullover. Wenn sie sich beeilte, ging sich einer am Tag aus. Eine Strickwarenfirma ließ die frische Ware abholen. Das ist Zwangsarbeit, wie sie damals für viele jungen Menschen triste, alltägliche Realität war. Für schlechte Kost und Logis. Als Pensionszeiten wurden diese Jahre später nicht angerechnet. Ein Missstand, der bis heute noch von keiner Regierung ausgeräumt wurde.

Sie arbeitete bis zur Entbindung und gleich nach der Geburt ging es weiter. Eine alte Schwester passte auf ihren Buben auf, während sie bügelte, die immer gleiche Naht einer Schürze mit der Maschine steppte oder Taschentücher mit der Hand säumte. Abends nach der Arbeit schaute sie jeden Tag nach ihrem Baby. Doch eines Tages, als er zehn Monate alt war, ist das kleine Bettchen leer. Im ersten Moment ein Schock. Doch gleichzeitig wusste sie, dass sie bald wieder zu Hause bei ihrer Mutter und Großmutter sein würde. Aber das Wiedersehen war von einer beunruhigenden Neuigkeit überschattet. Bei ihrer Mutter war zwischenzeitlich Krebs diagnostiziert worden.

Nach dem Verlust einer Lehre zur Steuerberaterin, weil sie ein Mal am Montag nicht erschienen war, fing sie in einer Textilfabrik in der Färberei an zu arbeiten. Dann las sie von einem Ort in Italien, wo es angeblich eine Klinik gibt, die den speziellen Krebs ihrer Mutter heilen kann. Dafür bräuchte sie aber 5.000 Schilling. Für damalige Verhältnisse ein Vermögen.

Weidinger ganz rechts, seine Tochter ganz links. Adoptivmutter hinter Adoptivoma, rechts daneben meine Mutter
Meine Mutter mit ihrem ersten Sohn

Montag, 9. September 2013

Meine väterlichen Wurzeln

Wie schon erwähnt, ist nun meine Abstammung von Pepi Matauschek sicher. Ein Grund, sich ihn und seine Herkunft genauer anzusehen.

Zur Vaterschaftsfeststellung möchte ich noch folgendes erörtern: Pepi Matauschek hatte einen Bruder und dieser wiederum zwei Söhne, meine Cousins. Die Hypothese des Gerichts war, dass wir alle folglich denselben Großvater haben müssten und sich das genetisch über die männliche Linie leicht feststellen lässt. Das Gericht lud sie beide vor, eine Speichelprobe abzugeben. Einer weigerte sich partout, aber der andere gab sie nach mehrfacher Aufforderung dann doch ab. Und tatsächlich: Über seine und meine Probe wurde der gemeinsame Großvater nachgewiesen! Das Gerichtsverfahren dauerte 1,5 Jahre. Aber am 3. Jänner 2012 wurde endlich der entsprechende Beschluss verfasst. Ich habe ihn an den Eintrag vom 6. September gehängt, weil ich für heute schon viel Bildmaterial vorgesehen habe. Nachdem es keinen wirklichen persönlichen Kontakt mit meinem Erzeuger gab, bleibt mir nur eine Sammlung von Zeitdokumenten. Davon gibt es zum Glück reichlich.

Pepi Matauschek entstammt nämlich einer legendären Wienerlied-Familie, der sogar lange nach deren Hochblüte eine CD gewidmet wurde. Folgend ein Auszug aus dem Booklet dieser CD: „Gebrüder Hans, Fritz (mein Großvater) und Karl haben zu ihrer Zeit nicht nur die Entwicklung des Wienerliedes als aktive Musikanten mitgestaltet, sie waren auch Inspiration und Vorbild für einige Generationen von Sängern. Und nicht zu vergessen – in ihren Lokalen waren auch die bedeutendsten Wienerliedkomponisten jener Jahre anzutreffen, als Stammgäste und als Klavierinterpreten bzw. -begleiter.“

Pepi Matauschek wuchs in diesem Umfeld auf, eignete sich das Spielen von Klavier bzw. Ziehharmonika an und lernte die Wienerlieder seiner Zeit sozusagen im Vorbeigehen mit. Später begann er eine Lehre zum Drogisten. Der Krieg kam dann dazwischen und er sollte diesen Beruf nie ausüben. Seine um zehn Jahre ältere Schwester heiratete eine Limonadenfabrikanten, in dessen Firma er irgendwann einstieg. Die Firma Getränke Ammersin gibt es heute noch www.ammersin.at. Als meine Mutter in kennen lernte war er dort Prokurist. In Pension ging er in einer hohen Position bei der E.A. Generali.

Über die Familie Matauschek gibt es sogar eine Diplomarbeit aus dem Jahr 1985, die ich als Kopie bei mir habe. Sie entstammt der Feder einer gewissen Maria Walcher, welche später das Wiener Volksliedwerk leiten sollte und dann zur Generalsekretärin des österreichischen Volksliedwerkes aufstieg. 1985 war er 60 Jahre alt. Im Zuge der Diplomarbeits-Interviews wurden die beiden Freunde und sie ermutigte ihn dazu, wieder die Ziehharmonika zu quetschen. Schließlich hatte er ein Repertoire im Kopf, das in dieser Form niemand spielen konnte und welches ein Bindeglied zwischen dem Wienerlied von Gestern und Heute darstellte. Nach einer mühsamen Zeit des Übens bei dem das alte Können wieder hervorgeholt wurde, gingen sie dann sogar auf Tournee und gaben einen Wienerlied-Kurs auf der Wiener Volkshochschule. 1995 erhielt er für sein Wirken rund um das Wienerlied das Goldene Ehrenzeichen der Republik Österreich.

Sein Bruder war mit Trude Mally, einer berühmten Wienerliedsängerin, verheiratet. Die Ehe ging in die Brüche aber nach Jahrzehnten beschlossen Pepi Matauschek und sie wieder gemeinsam aufzutreten. Das war in den 1990ern. Bei einem oder zwei dieser Auftritte war auch ich anwesend. Er wollte aber nicht, dass es zu einer auffälligen Begegnung kommt. Mit „der Sohn von der Taxlerin“ gab ich mich in der Pause oder nach dem Auftritt zu erkennen. Das war aber nur der Rahmen für eine persönliche Zusammenkunft, aber keiner für ein Kennenlerngespräch. Es wäre an ihm gelegen, mich zu einem Extratreffen einzuladen. Das tat er aber nicht.

Im Juni 2000 beschloss ich nicht länger auf die Einladung zu warten und ihn einfach aufzusuchen. Ich bat meine Mutter mir einen Kontakt herzustellen. Doch leider erfuhr sie in diesem Zusammenhang, dass er am 19. Jänner desselben Jahres wegen Probleme mit den Rückenwirbeln ins Spital musste und nach monatelangem Leiden am 5. Juni verstorben war. Scheinbar waren wir doch über ein unsichtbares Band verbunden. Mein Wunsch nach Kontakt und das zeitgleiche Ableben können aus meiner Sicht nicht reiner Zufall sein. Doch leider hatte ich knapp die Gelegenheit verpasst ihn kennen zu lernen.

Lange Zeit stand er bei mir auf einem Podest. Doch heute nehme ich ihm übel, dass er nie den Kontakt zu mir gesucht hat. Zumindest heimlich hätten wir uns treffen können. Ich kann auch nicht darüber hinwegsehen, dass er, von seinem baldigen Ableben wissend, er mich trotzdem nicht über meine Mutter einlud, ihn im Spital aufzusuchen. Auch hat er mich nicht in seinem Testament berücksichtigt. Es wäre für alle genug da gewesen. Er besaß ein großes Haus in Breitensee, Ländereien und sehr wahrscheinlich auch sonstiges Vermögen. Wenigstens nach seinem Tod hätte er zu mir stehen können. Aber das wollte seine Frau wahrscheinlich nicht. Sie wusste von mir. Es gibt einen Brief von ihr an meine Mutter in dem sie u.a. um Vorsicht hinsichtlich Krankheiten bittet und sich als diejenige sieht, die zu diesem Zeitpunkt in Bezug auf ihren Mann den Kürzeren zieht. Am Ende hat sie dann doch irgendwie gewonnen.

Das Vermögen wurde am selben Tag, an dem sie es erbte, auf jemand anderen überschrieben: Leo Gasparin. Tragischerweise ist diese Person eine Art Adoptivsohn, den die beiden lieb gewonnen hatten, weil sie ja gemeinsam keine Kinder bekommen konnten. Sie lernten seine Eltern und ihn kennen, weil sie als Kroaten in Wien Urlaub machten und im Hotel meines Onkels abstiegen. Nach etlichen Urlauben und Jahren bleib er dann in Wien um hier eine Ausbildung zu machen und zog bei Pepi Matauschek ein. Sie wollten ihn wirklich adoptieren. Aber wegen einer Fahrerflucht nach einem Unfall mit Personenschaden war er vorbestraft, was die Adoption verhinderte. Sogar ihre Kontakte zu einem Minister namens Soronitsch konnten daran nichts ändern. Bis zum Tod von Pepi Matauschek lebte er in dessen Haus und tut das gemeinsam mit der Witwe wahrscheinlich bis heute noch. Ihm gehört jetzt alles, obwohl es keine leibliche Verwandtschaft gibt. Und trotzdem ich gerichtlich anerkannter Sohn bin, habe ich keinen Zugriff auf „mein“ Erbe. So gern ich etwas davon hätte, wäre es doch nur ein schwacher Trost für die verkorkste Beziehung zu meinem Erzeuger Pepi Matauschek.

CD-Booklet der oben genannten CD; Foto: Mein Großvater mit meinem Vater (Mitte) und Onkel
Flyer des Wienerlied-Kurses auf der Volkshochschule
Flyer der Auftritte, wo ich auch war
Pate mit Leo Gasparin auf selber Stufe wie die Witwe
Gedenkveranstaltung mit Präsentation einer In Memoriam-CD

Freitag, 6. September 2013

Mein Erzeuger

Nachdem ich erfahren hatte, dass mein bisheriger Vater es sicher nicht sei drängte sich natürlich die Frage auf, wer es denn sonst sein sollte. Als Antwort bekam ich den Namen Josef (Pepi) Matauschek. Für mich war er bis zu diesem Zeitpunkt ein Bekannter meiner Eltern. Ich kannte ihn flüchtig vom Sehen bei uns zu Hause. Er hatte aber keine Rolle in meinem Leben gespielt. Ich erinnerte mich daran, dass er sehr groß war, mir meine erste Armbanduhr geschenkt hatte und auch eine Kinderziehharmonika mit der ich aber nichts anzufangen wusste, weil sie mir niemand erklärte.

Für meine Mutter war er angeblich die Liebe ihres Lebens. Auch ihn lernte sie als Kunden auf dem Strich kennen. Das war im Oktober 1972. Sie war 28 und er 47 Jahre alt. Aus einer geschäftlichen wurde eine Liebebeziehung. Er war scheinbar wohlhabend, denn die ganze Zeit, die er mit ihr verbrachte zahlte er. Er kaufte sie quasi von den anderen Kunden frei indem er ihr das Geld gab, das sie mit anderen Kunden in derselben Zeit verdient hätte. Nur so war es gegenüber ihrem Partner (meinem „Vater“) auch gerechtfertigt. Denn nur als Kunde war er geduldet. Sie gingen gemeinsam (mitunter sogar zu dritt) ins Theater, in die Oper oder zum Heurigen.

Meine Mutter und er beschlossen gemeinsam ein Kind zu zeugen. Er konnte mit seiner Frau keine bekommen. Deshalb ging meine Mutter mit ihm gemeinsam sein Sperma testen mit dem Ergebnis, dass er fruchtbar war und es somit nicht an ihm lag. Mit meinem „Vater“ wollte sie kein Kind, denn sein erster (und einziger) Sohn Roman war problematisch, angeblich war er in der Sonderschule oder sonst was. Genau habe ich mich nie danach erkundigt. Roman und seine Mutter waren ein Tabuthema bei uns zu Hause.

Der Plan war also, dass jeder beim damaligen Partner bleibt und meine Mutter mit der Prostitution aufhört. So wurde auch die Idee geboren stattdessen ein Taxiunternehmen zu gründen. Pepi Matauschek übernahm bei der Konzession und dem ersten Taxi sogar einen Großteil der Kosten. Wie sie das meinem „Vater“ unverdächtig erklärten ist mir ein Rätsel. Schließlich wurde ich ihm auch noch als Kukukskind untergejubelt. Am Tag meiner Geburt hatte sie einen kleinen Autounfall. Die offizielle Version ist, dass ich wegen der daraus resultierten Aufregung seitens meiner Mutter als Frühchen zur Welt kam. Vielleicht drückte mein „Vater“ auch alle Augen zu, weil Pepi Mautauschek (ab nun „Erzeuger“ genannt) einfach so viel Geld in ihre und somit auch seine Richtung fließen ließ. Es war also alles gut eingefädelt und ich trug die Lebenslüge bis zu seinem Tod mit, wenngleich er unbewusst vielleicht einen Verdacht hegte. Das würde auch erklären, warum er sich bei meiner Betreuung und Versorgung raus hielt und alles meiner Mutter überließ, wenngleich ich ohnehin die meiste Zeit nicht da war. Er sprang nur ein, wenn es gar nicht mehr anders ging, beispielsweise wenn sie aus beruflichen Gründen unabkömmlich war. Trotzdem hatten wir aber auch unsere guten Momente. Zum Beispiel gemeinsame Saunaaufgüsse, Formel 1 im Fernsehen anschauen oder Drachensteigen gehen. Das möge an dieser Stelle fairerweise auch festgehalten sein.

Zurück zu den Bemühungen meines Erzeugers, meine Mutter von der Prostitution weg zu bringen. Er fuhr mit ihr tagelang im Taxi mit und erklärte den Fahrgästen, es wäre ihr erster Tag und sie würde sich sonst zu unsicher fühlen. Ihr sollte damit das Taxifahren mit der Zeit erträglicher werden. Dafür verdoppelte er ihr anfangs sogar den erfahrenen Umsatz. Ohne Erfolg. Er setzte sich mit ihr zu Hause hin und drängte sie dazu, bei jedem Anruf eines Kunden zu sagen, dass sie nicht mehr verfügbar wäre. Ohne Erfolg. Er setzte einen Privatdetektiv auf das Haus an. Dieser dokumentierte, wann ein Kunde kam und ging. Dann konfrontierte er sie damit und warf ihr verständlicherweise vor, von ihr hintergangen zu werden. Ohne Erfolg. Ihr war das Geldverdienen einfach wichtiger als die Loyalität zu ihm. Und im Hintergrund flüsterte ihr mein „Vater“ im Eigeninteresse ein: „Doppeltes Geld in der Hälfte der Zeit.“ Es war die finanziell ertragreichste Zeit ihres Lebens. Sie verdiente als Callgirl, beim Taxifahren und mit ihrem besten Stammkunden, Pepi Matauschek. Es dauerte nicht lange und er warf entnervt das Handtuch. Meine Mutter agierte schon da nach dem Motto: Geld vor Beziehung und Gefühlen von Menschen. Wie bereits erwähnt eine Tatsache, die mein Leben in weiterer Folge maßgeblich mitprägen sollte.

Mein Erzeuger und sie trafen sich dann irgendwann nur mehr einmal im Monat, jedoch so lange, bis ich meine erste Berufsausbildung 1996 mit 21 Jahren beendet hatte. Bei diesen Treffen übergab er ihr Alimente in der Höhe von 4.000 Schilling, die er freiwillig bezahlte. Bei der Gelegenheit erzählte sie ihm von meiner Entwicklung und zeigte ihm fallweise auch die aktuellsten Fotos. Leider legte meine Mutter das Geld nicht auf ein Sparbuch, sondern ließ es in das allgemeine Budget einfließen. Damit wurden beispielsweise Internat und Ferienlager beglichen. Jahre später, als ich meinen „Vater“ mit meiner miesen Kindheit konfrontierte, rechnete er mir vor, wie viel Geld ich im Laufe der Jahre gekostet habe und wollte mir damit beweisen, dass ich ja „alles“ hatte. Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen, ihm von den Alimenten und dem Hintergrund dieser Zahlungen zu erzählen. Doch ich schluckte das aus Loyalität meiner Mutter gegenüber hinunter.

1995 auf dem Cover des "Bockkeller"
Die Zeitung des Wiener Volksliedwerks
3. Jänner 2012: Feststellung der Vaterschaft durch das BG Josefstadt