Dienstag, 22. Oktober 2013

Der letzte Akt, Teil 2

Meine Mutter hatte also ihren zweiten Selbstmordversuch hinter sich gebracht und lag wieder auf der Psychiatrie in Tulln. Beim ersten Besuch war sie immer noch auf der Intensivstation, wo sie bewusstlos zwischen piepsenden Geräten lag und künstlich beatmet wurde. Bei dem Anblick fragte ich mich immer, was ich mir wünschen soll. Einerseits wusste ich, sie würde darunter leiden, dass sie es wieder einmal nicht geschafft hatte und andererseits ist sie meine Mutter. Kein Kind will, dass die Mutter für immer weg ist – egal wie alt es ist.

Auf der psychiatrischen Station war sie dann immer schon ansprechbar. Jedes Mal fürchtete ich, sie würde mich nicht mehr erkennen, wenn sie mich danach das erste Mal wieder zu sehen bekam. Denn mindestens 100 Schlaftabletten einzunehmen hinterlässt Spuren. Während des ersten Aufenthaltes in Tulln war sie sehr besorgt, dass jemand in das unbewohnte Haus einbrechen könnte. Sie hatte Schmuck in einem Tresor im Keller. Diesmal sagte ich ihr, dass ich ihn holen und für sie aufbewahren würde. Ich eröffnete extra dafür ein Schließfach bei einer Bank, holte den Schmuck und gab ihn dort hinein. Das war jener Teil, den sie für jeden Tag im Haus aufbewahrte. Den Großteil hatte sie gemeinsam mit Sparbüchern in einem Schließfach bei ihrer Hausbank. Auf den Sparbüchern lagen in Summe zirka 100.000 Euro und der Schmuck dort war in etwa 30.000 Euro wert. In dem Tresor im Haus fand ich auch noch eine andere Schmuckschatulle, die ich auch an mich nahm. Später erfuhr ich, dass das ein Geschenk von Erich (siehe Eintrag von 8. Oktober) an mich war. Darin war sein Schmuck und jener seiner Frau. Er hatte zwar  eine Tochter, aber mit ihr war er schon lange sehr zerstritten – so sehr, dass sie Jahre vor seinem Tod schon keinen Kontakt mehr hatten. Sein Plan war, dass ich ihn durch den Tod meiner Mutter letztendlich in meinen Besitz wandert. 

Jene Person, zu der meine Mutter am meisten Kontakt nach dem Tod meines Vaters 2009 hatte, war Frau T. Sie ist selber über 80 Jahre alt, aber für ihr Alter noch sehr rüstig. Sie besuchte meine Mutter regelmäßig auf der Psychiatrie. So kam es auch, dass sie meine Mutter einlud, mit ihr in das Haus zu fahren um nach dem rechten zu sehen und um sich noch Kleidung von dort zu holen. Im Zuge dessen sahen sie auch nach dem Schmuck im Tresor. Doch der war nicht da, weil ich ihn ja wie vereinbart aufbewahrte. Leider konnte sich meine Mutter aber nicht mehr daran erinnern, weil sie scheinbar an jenem besagten Tag doch noch nicht so ganz da war. Für Frau T. war das ein gefundenes Fressen. Sie selbst hat nämlich einen Sohn, mit dem sie zwar in einem Haus lebt, sie aber so zerstritten sind, dass sie kein Wort miteinander reden und Frau T. sich sogar einen eigenen Eingang in ihren Bereich hat bauen lassen. Sie verglich mich immer mit ihrem missratenen Sohn und war insgeheim eifersüchtig, dass meine Mutter und ich ein vergleichsweise relativ gutes Verhältnis miteinander hatten. Zurück in der Psychiatrie machte sie einen regelrechten Aufstand und meinte, ich hätte meine Mutter bestohlen. Das warf natürlich kein gutes Licht auf mich. Ich erzähle das deshalb so ausführlich, damit das Folgende besser verständlich wird.

Für die nächste Entlassung gab es eine Auflage. Sie würde nur wieder nach Hause kommen, wenn dort eine 24-Stunden-Betreuung eingerichtet ist. So weit so gut. Nur gab es keine Möglichkeit zu bestimmen, wer diese bereitstellen sollte. Es hieß, ein Pfleger der Einrichtung hätte gute Kontakte zu einer Firma. Mir erschien das sehr dubios, dass man keinen Einfluss darauf hat. Immerhin lebt man dann mit dem Pflegepersonal rund um die Uhr zusammen. Dem entsprechend sollte das eine wohlüberlegte Entscheidung sein, wer mir dieses Personal bereitstellt. In diesem Fall war es aber genau das Gegenteil. Meine Mutter wurde in ihrem geschwächten Zustand dazu gezwungen, öffentlich mit der Stations-Sozialarbeiterin von Tulln nach Maria Gugging zu fahren um den Vertrag für die 24-Stunden-Pflege dort zu unterschreiben. Das war damals eine unglaubliche Strapaze für sie und am Ende dieses Tages hatte sie dann einen Schwächeanfall. Als sie mir das am nächsten Tag erzählte, traute ich meinen Ohren nicht. Doch es kommt noch dreister. Ein paar Tage nach diesem Vorfall rief mich die Sozialarbeiterin an und erklärte mir, dass ich mich nun darum kümmern müsste, dass die beiden slowakischen Pflegerinnen offiziell ihren Dienst antreten können. Dazu sollte ich mit ihnen auf die Bezirkshauptmannschaft gehen und sie dort melden. Eine der beiden hätte aber noch keine Gewerbeberechtigung für Österreich. Darum sollte ich mich auch kümmern. Ich war natürlich sehr aufgebracht. Nicht nur, dass ein Zwangsvertrag mit diesem Verein abgeschlossen wurde (ich vermute Schmiergeldzahlungen dahinter), wurde ich auch noch dazu angehalten, dessen Arbeit zu verrichten. Ich beschwerte mich, wusste aber gleichzeitig, dass auch ich keine Wahl hatte. Und somit sagte ich, dass ich es machen würde, wenn sonst niemand dafür in Frage käme. Einzige Bedingung meinerseits war, dass alles so vorbereitet sein sollte, sodass ich das an einem Tag erledigen kann. Die Sozialarbeiterin erzählte der behandelnden Oberärztin von dem Telefonat, worauf hin sie meine Mutter zu einem Gespräch zitierte, in dem sie ihr die Tatsache unterbreitete, in Zukunft besachwaltet zu werden. Nach dem Gespräch rief mich meine Mutter ganz aufgelöst an. Darauf hin rief ich die Oberärztin an und fragte sie was das soll. Sie meinte, ich wäre nicht zuverlässig und wir könnten nichts mehr dagegen unternehmen. Ich entgegnete ihr, die Sozialarbeiterin würde ihr bestätigen, dass ich mich ja ohnehin bereit erklärt hatte. Diese könnte sich nicht fragen, denn sie wäre zwei Wochen im Urlaub war die niederschmetternde Antwort. 

Weder meine Mutter noch ich waren auf so eine Wendung vorbereitet, denn bis heute ist sie zwar psychisch labil aber geistig ganz klar. Somit war ich auch nicht zeichnungsberechtigt für das Schließfach in der Hausbank, das Haus war nicht auf mich überschreiben und es gab keine Vorsorgevollmacht. Sie war mit sofortiger Wirkung enteignet und ich mit ihr. Ich bin ihr einziger Sohn und noch dazu ausgebildeter Sozialarbeiter. Trotzdem wurde ich bis heute nicht in Betracht gezogen, die Sachwalterschaft für meine Mutter zu übernehmen. Scheinbar steht wegen des oben ausgeführten Vorfalls nichts Gutes im zugehörigen Akt. Die Entscheidung liegt bei Gericht, das die Sachwalterschaft an eine Anwaltskanzlei vergab. Auch ein Rekurs, den ich für meine Mutter schrieb, half nichts. 

Das Gesetzt sieht vor, dass dem Sachwalter fünf bis zehn Prozent der laufenden Einkünfte und jährlich zwei Prozent des Gesamtvermögens zusteht. Darüber hinaus darf er auch Tätigkeiten, die eine juristische Expertise voraussetzen, extra verrechnen. Das macht bei meiner Mutter in etwas 10.000 Euro jährlich aus. Ein gutes Geschäft für einen Anwalt, weswegen es so gesehen in diesem Fall wohl klug war, es nicht dem Sohn zu überlassen. Besonders wenn man in Betracht zieht, wie wenig sich diese zuständigen Personen um meine Mutter kümmern.

Ein Beispiel: Fünf Tage vor zweiten Entlassung wurde die Sachwalterin bei meiner Mutter vorstellig. Im Zuge dessen wurden ihr die Hausschlüssel übergeben. Meine Mutter wies auf die Heizung hin, die für den Winterbetrieb eingeschaltet werden musste, denn mittlerweile war es November und kalt. Fünf Tage sollten reichen, sich darum zu kümmern. Am Tag der Entlassung wurden aber dann ihre schlimmsten Befürchtungen wahr. Sie kam in ein Haus, in dem es sieben Grad hatte und als zuständige Pflegefachkraft hatte sie eine 19jährige Berufsanfängerin zur Seite gestellt bekommen, die kein Wort Deutsch sprach und heillos überfordert war. Null Vorbereitung des Hauses und inkompetentes Personal von einem Verein, mit dem ein Zwangsvertrag eingegangen werden musste. Ich begehrte zwar auf, wurde aber mundtot gemacht. Für eine Person wie meine Mutter, die das eigene Leben ohnehin schon als hoffnungslos empfand, war das keine besonders heilsame Situation, ganz im Gegenteil. 

Ich kann jetzt schon verraten, dass es auch im nächsten Eintrag keine Aussicht auf Besserung gibt, sondern der Horror seinen Lauf nimmt. 

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Der letzte Akt, Teil 1

Im Jahr 2008 erstickte mein Ziehvater (mein genetischer Vater verstarb schon im Jahr 2000) bei einem Restaurantbesuch fast an einem Stück Fleisch. Obwohl er im selben Jahr erst ein Lungenröntgen hatte machen lassen, das ihm eine altersgemäße Lunge und einen gesunden Thorax bescheinigte, enthüllte eine anschließende Untersuchung einen Tumor nahe der Speiseröhre, der auch die Lunge betraf. Die Bestrahlungen griffen und zu Weihnachten 2008 konnte er wieder schlucken. Er rauchte schon seitdem er 16 Jahre alt war. Es gibt kaum ein Foto, das ihn ohne Zigarette zeigt. Wenn man genau hinsieht, hält er sogar auf jenem mit meiner Mutter und Hexi, das ich unterhalb des letzten Eintrages online gestellt habe, eine in der Hand. Mit den guten Vorsätzen anlässlich des Pensionseintritts schafften es meine Eltern sogar, mit dem Rauchen aufzuhören. Doch dann fing meine Mutter nach zwei Jahren wieder an und er zog mit. Die Diagnose veranlasste ihn diesmal nicht, das Kunststück zu wiederholen und so schlug der Tumor nach den ersten Erfolgen im Jahr darauf zurück. Als hätte er es gewusst, genoss er solange er noch schlucken konnte das Leben in vollen Zügen – und das sah bei ihm folgendermaßen aus: Er ging jeden Tag fein gekleidet, rasiert, frisiert, parfümiert und voll mit Goldschmuck in das Stadtcafe Purkersdorf, wo er den Mann von Welt mimte, sich an den Gesprächen des Stammtisches beteiligte, Kaffee trank und dabei genussvoll rauchte. Das war seine Vorstellung vom guten Leben und er tat es solange ihm noch Zeit blieb. Am 3. November 2009, drei Tage vor seinem 72. Geburtstag, verstarb er zu Hause. Bis zuletzt meinte er, es ginge ihm nicht so schlecht, obwohl er am Schluss schon zu schwach für seine Lieblingsbeschäftigung dem Fernsehen war und nur noch Radio hörte. Er wollte keinesfalls im Spital sterben und so redete er seinen Zustand schön. Mein Mutter pflegte ihn aufopfernd und mit ihm ging ihr der Lebensinhalt abhanden. Ihr ganzes Leben, zumindest so lange ich sie kannte, beklagte sie sich darüber, immer für alle alles machen zu müssen, damit der Laden läuft und selber dabei zu kurz zu kommen.

Nachdem alles erledigt war, was nach einer Beerdigung so zu tun ist, fiel sie in ein Loch, denn nun war sie allein. Sie hatte Geld auf der Bank, viel Schmuck, ein Haus mit Garten, einen Mercedes in der Garage und Zeit, alles zu tun was ihr in den Sinn kommt. Darüber hinaus war sie erst 65 Jahre alt und ihrem Alter entsprechend halbwegs fit. Eine Situation, auf die viele Menschen hinarbeiten, viele kommen sogar niemals in diese privilegierte Lage. Sie hatte die besten Voraussetzungen, sich es noch einmal so richtig gut gehen zu lassen, ohne irgendjemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Doch sie war von ihrem Leben ausgebrannt und sah keinen Lebensinhalt für sich. Sie hatte keine Vorstellung von dem, wie man es sich gut gehen lassen kann, weil sei es davor auch nie getan hatte. Also fiel sie in eine Depression, von der sie mir nichts erzählte. Im September 2011 fragte sie mich, ob ich mit Frau und Kind bei ihr einziehen wolle. Ich winkte dankend ab. Später erzählte sie mir, dass es ab dann so richtig mit ihr bergab ging. Doch sie hielt das damals geheim, denn sie schmiedete schon einen tödlichen Plan.

An einem Wochenende im Juni 2012 war ich von Samstag auf Sonntag auf einer Hochzeit im Burgenland. Am Weg von dort nach Hause riefen mich die Gegenübernachbarn meiner Mutter an und meinten, die Rollos an ihrem Haus wären schon seit zwei Tage nicht hochgezogen worden und ich sollte nach dem Rechten sehen. Am Weg nach Purkersdorf verständigte ich auch Polizei und Rettung. Gemeinsam trafen wir ein. Ich schloss ihnen die Türen auf, blieb selbst aber draußen. Meine Mutter lag im Keller auf dem Bett neben der Sauna, wo sie früher ihre Arbeit verrichtete und war bewusstlos. In ihrer Nähe wurden leere Schlaftabletten-Packungen gefunden, was auf einen Selbstmordversuch rückschließen ließ. Sie kam nach Tulln, zuerst auf die interne Abteilung und dann auf die Psychiatrie. Sie überstand den Vorfall ganz gut und wurde dann wieder nach Hause entlassen. Die Volkshilfe wurde im Rahmen der mobilen Heimkrankenpflege damit beauftragt, jeden Tag bei ihr vorbei zu schauen. Ich holte sie ab und gemeinsam gingen wir am Weg noch einkaufen. Alles deutete darauf hin, dass sie es mit Unterstützung schaffen könnte, auch sie schien motiviert. Am darauffolgenden Montag kam die Fallmanagerin zu ihr um zu erheben, was die Heimhilfen bei den Besuchen zu tun haben. Im Zuge dessen wurde festgestellt, dass meine Mutter kaum noch Bargeld bei sich hatte. Anstatt ihr das Angebot zu machen, sie zur Bank zu führen meinte die Dame von der Volkshilfe, sie würde mit der Bankomatkarte Geld abheben fahren. Meine Mutter äußerte Bedenken, die mit folgender Aussage zerstreut wurden: „Das ist der Anfang unserer Zusammenarbeit, die auf Vertrauen basiert. Das ist die erste Gelegenheit dieses aufzubauen.“ Meine Mutter bat um 300 Euro, die ihr auch gebracht wurden. Einige Tage später fiel ihr das Besuchsprotokoll wieder in die Hänge. Beim genauen Durchlesen bemerkte sie, dass sie die Übernahme von 1.300 Euro unterschrieben hatte. Nach telefonischer Rücksprache bei der die Fallmanagerin behauptete, sie hätte 1.300 Euro übergeben, stornierte meine Mutter den Vertrag. Mir erzählte sie von dem Vorfall und ich empfahl ihr, Lehren für die Zukunft daraus zu ziehen, machte aber auch klar, dass sie nichts dagegen machen konnte, denn sie hatte das Protokoll ja unterschrieben. Von der Vertragskündigung erzählte sie mir nichts. Am Freitag telefonierten wir und ich meldete mich über das Wochenende ab, denn ich war wieder auf einer Hochzeit eingeladen. 

Montagabend rief ich sie dann an, doch sie ging nicht ans Telefon. In mir regte sich der Verdacht, dass sie es wieder versucht haben könnte und ich fuhr nach Purkersdorf. Am Weg verständigte ich abermals Polizei und Rettung. Diesmal war sie nicht im Haus auffindbar, weswegen wir im Garten anfingen zu suchen. Die Suchaktion wurde schon fast als beendet erklärt, weil sie scheinbar im Garten auch nicht war, als ich in einem Eck unter einem Busch etwas entdeckte. Ich bat die Polizisten, dort genauer zu suchen. Und tatsächlich, dort lag sie. Weil sie beim ersten Mal die Tabletten im Schlaf erbrach, hatte sie sich ein Wollknäuel in dem Mund gesteckt und diesen zugeklebt. Später stellt sich heraus, dass diesmal nicht 19 Stunden nach der Einnahme vergangen waren, sondern nur fünf. Sie war zwar benommen aber noch nicht bewusstlos. Sie machte mir nur einen Vorwurf, warum ich da war, denn damit hätte sie nicht gerechnet. Wieder kam sie nach Tulln. Wer nun glaubt, viel schlimmer kann es nicht mehr kommen irrt, denn das war erst das Vorspiel zu dem, was noch folgen sollte. Doch das wird Gegenstand des nächsten Eintrages.

Dienstag, 8. Oktober 2013

Meine Mutter, Teil 3

Schließlich schaffte es meine Mutter in letzter Minute den hohen Geldbetrag der ersten Schuldenrückzahlungsrate fristgerecht abzuliefern und somit das Haus in ihrem Besitz zu halten. Das war ihr aber nur als Prostituierte möglich. Wie bereits erwähnt, ging es dann mit dem Eintreten des Mannes, der dann auch mein offizieller Vater war, bergauf. Nachzulesen im Eintrag „Mein Vater“ vom 4. September 2013. 

Zwei außergewöhnliche Ereignisse gab es noch, auf die ich nun eingehen will. In ihren Zwanzigern wurde sie zwei Mal ungewollt schwanger. Wahrscheinlich weil sie es damals nicht so genau nahm mit der Verhütung. Ohne Kondom zu arbeiten war zwar verpönt, aber gegen einen hohen Zuschlag wurde schon mal darüber hinweggesehen. Es gab sexuell übertragbare Krankheiten, aber noch keine wie HIV. Das wirkliche Problem damals war allerdings die Tatsache, dass Abtreibung illegal war. Sie wurde zwar allerorts durchgeführt, aber im privaten Rahmen von so genannten „Engelmacherinnen“ oder von Ärzten im Hinterzimmer ihrer Praxen. Zu einem dieser Ärzte ging auch meine Mutter. Ein Mal ging es gut. Doch beim zweiten Mal fing sie nach dem Eingriff an aus dem Schritt zu bluten. Scheinbar war diesmal nicht alles ordnungsgemäß entfernt worden. Die Blutung war sehr stark, weshalb sie schnell die Kraft verlor. Sie konnte sich nur noch auf allen Vieren zum Nachbarn ins Nebenhaus retten. Dieser rief ihren Hausarzt an. Aufgrund eines Missverständnisses war dieser dann am Weg zum Nachbarn, während dieser meine Mutter in sein Auto packte und mit ihr in die Praxis des Arztes fuhr. Dadurch verging wertvolle Zeit. Letztendlich landete sie im Krankenhaus, wo die Blutung in letzter Sekunde gestoppt werden konnte. Wegen dieses Vorfalls wurden Nachforschungen angestellt und der Arzt flog auf. Er führte ein Notizbuch mit Namen aller Frauen, bei denen er illegale Abtreibungen vorgenommen hatte. Unverständlicherweise mussten all diese Frauen für drei Monate ins Gefängnis, während der Arzt nur eine bedingte Strafe ausfasste! Unfassbar! Er war ein Serientäter, der gutes Geld damit verdiente, während die Frauen wegen eine persönlichen Notsituation hilfesuchend zu ihm kamen. Auch meine Mutter musste trotz des lebensbedrohlichen Vorfalls wegen der verpfuschten Abtreibung ihre Strafe absitzen. Erst 1974, kurz vor meiner Geburt, wurden Abtreibungen legalisiert.

Im Eintrag von 2. September erwähnte ich einen Vorfall, bei dem mein Vater auf meine Mutter schoss. Der Grund war mein leiblicher Vater Pepi Matauschek. Er war mit meiner Mutter als Kunde im Keller. Mein Vater war auch im Haus. Obwohl er von Anfang an wusste, worauf er sich eingelassen hatte und finanziell erheblich davon profitierte, kam es an diesem Tag zum Eklat. Innerlich hatte er wohl ein Arrangement gefunden: Er teilte seine Frau mit anderen Männern und das ist auch solange in Ordnung, solange sie dafür bezahlt wird und dies vor einem beruflichen Hintergrund passiert. Im konkreten Fall heißt das, sie darf es nicht genießen. Bei Pepi Matauschek war aber mehr im Spiel, nämlich Liebe. Und so kam es, dass ihre sexuelle Erregung nicht zu überhören war. Als Reaktion darauf leerte er eine Cognac-Flasche und holte eine der beiden Schusswaffen aus ihrem Versteck. Als Pepi Matauschek gegangen war, stellte er meine Mutter zur Rede. Provokant antwortete sie: „Na dann schieß doch, dann ist alles vorbei und überstanden.“ Er wollte nicht feige wirken und drückte ab. Das Projektil ging an ihr vorbei und blieb in der Wand stecken. Danach brach er volltrunken bewusstlos zusammen. Meine Mutter rief die Rettung, die ihn nach Gugging brachte. Der Vorfall wurde auch von der Polizei protokolliert. Tags darauf besuchte sie ihn. Er war im geschlossenen Bereich untergebracht und steckte in einer Zwangsjacke. Er flehte darum, wieder nach Hause zu dürfen. Die Ärzte fragten meine Mutter, welche Angehörigen er sonst noch hätte, denn für eine Entlassung müsste jemand für ihn bürgen. Zu diesem Zeitpunkt waren sie noch nicht verheiratet, weshalb sie eigentlich nicht in Frage kam. Doch seine Mutter war zu alt und ich zu jung und sonst hatte er niemanden. Dies wäre ein perfekter Zeitpunkt gewesen, sich von ihm zu trennen. Aber ihr war die Familie, oder vielleicht nur das, was davon als Schein nach außen tritt, wichtiger. Und so bürgte sie für ihn, nahm ihn mit nach Hause, holte seine Mutter aus ihrer Wohnung im 10. Bezirk und mich aus dem Internat. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch Volksschüler. Dann verbrachten wir das darauf folgende Osterwochenende gemeinsam als ob nichts geschehen wäre.

Wie schon erwähnt, machte meine Mutter eine Pause vom Straßenstrich von meiner Geburt an bis sie ca. 44 Jahre alt war. Dann stellte sie sich wieder 14 Jahre lang Ecke Hackengasse Felberstraße auf. Ihre zweite Karriere war nicht mehr so glamourös wie ihre erste. Speziell gegen Ende kamen vorwiegend Männer mit Migrationshintergrund zu ihr, die knapp bei Kassa waren und beim Preis feilschten. Damit sie nicht stundenlang stehen musste, ließ sie dann immer öfter diesbezüglich mit sich reden, speziell im Winter wenn es sehr kalt war. Ihr Auto, ein weinroter Mercedes 190E, war so umgebaut, dass sie die Kunden darin abfertigen konnte. Der Vordersitz war ausgebaut und sie mietete eigens dafür einen Parkplatz im Parkhaus am Westbahnhof, denn die meisten Kunden konnten sich kein Hotelzimmer leisten. Dieses Auto war auch jenes, mit dem ich die Praxisstunden außerhalb der Fahrschule machte (das sogenannte L) und das ich dann die erste Zeit benutzen durfte, bis ich zur Matura dann mein eigenes Auto bekam. Meine Freunde fragten sich, warum der rechte Vordersitz fehlte. Ich begründete das mit dem zusätzlichen Platz, den man beim Einkaufen bräuchte um Kisten zu transportieren und dem dafür zu kleinen Kofferraum.

Meine Mutter hatte nach meinem leiblichen Vater auch noch eine andere große Liebe. Sein Name war Erich. Sie kannten sich schon sehr lange, doch gefunkt hatte es erst, als sie um die 50 war. Offiziell war er dann als zusätzlicher Taxifahrer bei ihr angestellt und natürlich auch Kunde. Doch in diesem Fall zahlte nicht er jede Samstagnacht, sondern sie sparte das Geld heimlich weg und legte es dann als Verdienst vor, damit kein Verdacht seitens meines Vaters aufkam. Er war der einzige Kunde in dieser Nacht und kam zu uns nach Hause. Ich traf ihn immer wieder nachdem ich vom Ausgehen nach Hause kam. Das war der einzige Kunde, den ich näher kennen lernte. Er mochte mich und ich ihn. Weil sich die beiden schon vor meiner Geburt kannten, meinte meine Mutter öfters im Halbspaß, er hätte auch mein Vater werden können. Ich entgegnete dem immer, dass ich dann nicht ich wäre. Doch eines ist sicher: Ihn lernte ich besser als meinen echten Vater kennen. Er war früher ein echter Strizzi und hatte Kontakt zur Unterwelt, als er Pächter eines Kaffeehauses war, in dessen Hinterzimmer Stoß gespielt wurde. Das ist ein illegales Kartenspiel um Geld. So gesehen passten die beiden gut zusammen. Was nur hier zum Tragen kam war wieder ihre Heimlichtuerei, in die ich auch diesmal verwickelt wurde.

2002 wurde mein Vater 65, hörte mit dem Taxifahren auf und ging offiziell in Pension. Der Plan war, dass sie gemeinsam mit dem Arbeiten aufhören. Meine Mutter war sieben Jahre jünger, trotzdem war es höchste Zeit, denn die Kunden wurden immer schlechter. Mit 58 durfte sie aber von der Pensionsversicherungsanstalt aus nicht in den Ruhestand. Für eine Frühpension vor dem 60. Geburtstag fehlten ihr die Versicherungszeiten. Die Zeiten in den Heimen, in der sie harte Zwangsarbeit verrichtete, schienen nicht auf. Also wurde sie an das AMS verwiesen. Was hätte sie dort mit 58 Jahren ohne Erfahrung in einem normalen Job machen sollen? Also waren meine Eltern gezwungen, rund zwei Jahre lang von seiner kleinen Pension (knapp über 1.000 Euro) und von Gespartem zu leben.

Es gibt unzählige interessante, spannende und schockierende Geschichten, die meine Mutter aus ihrer Zeit als Prostituierte erzählen könnte. Aber das ist ein eigenes Thema, von dem ich in diesem Kontext hier nur fragmentarisch berichten könnte und schon gar nicht will. Hier geht es mir um mein Erleben mit dem, was sie mir zugemutet hat und vor welchem Hintergrund das alles geschehen ist.

Der nächste Eintrag behandelt das Ableben von ihrem langjährigen Wegbegleiter, jenem Mann, der auch  am ehesten ein Vater für mich war und der Zeit danach. Es folgt quasi der große Showdown.

Anfang 20, das erste eigene Auto, ein Gogomobil.
Haus und Garten ganz neu und frisch hergerichtet
Mitte 20 mit Hexi
28-jährig: Familienidylle noch ohne mich
Ende 70er: So habe ich ihn in Erinnerung. Mein "Vater" und sein Taxi.

Dienstag, 24. September 2013

Meine Mutter, Teil 2

Mit einem Stundenlohn von ein paar Schilling aus der Arbeit in der Fabrik war es unmöglich, die 5.000 Schilling aufzutreiben. Ja, irgendwann vielleicht. Aber Krebs kennt keine Geduld und somit beschloss meine Mutter Geld für sexuelle Dienstleistungen zu verlangen. Auf die Idee kam sie, als sie per Autostopp regelmäßig von Purkersdorf nach Wien und retour unterwegs war. Die öffentlichen Verkehrsmittel nahmen damals noch keine Rücksicht auf die Sperrstunden des Tanzlokals in Hütteldorf und somit war sie spätabends auf diese Transportmöglichkeit angewiesen. Einmal wollte ein Mann etwas von ihr, als er sie im Auto mitnahm. Sie verlangte Geld dafür und bekam es. Ab dann nützte sie jede freie Minute neben der Arbeit in der Fabrik dafür, in Purkersdorf und Umgebung an der Straße zu stehen und Geld zu verdienen.

Sie war kurz davor die 5.000 Schilling beisammen zu haben, als sie von der Polizei aufgegriffen und vom Jugendamt wieder fremduntergebracht wurde. Als schon aktenkundige Jugendliche kam sie diesmal in eine Erziehungsanstalt nach Wiener Neudorf, die für ihre brutalen Erziehungsmethoden bekannt war, die „Bundesanstalt für erziehungsbedürftige Mädchen“, geführt von den „Schwestern vom Guten Hirten“. Neben der Anstalt „Kaiser-Ebersdorf“ für Buben galt diese als „Endlager“ aufmüpfiger Jugendlicher. Unter Mitwirkung des prominenten österreichischen Psychiaters Erwin Ringel passierte dort Schreckliches mit den Mädchen. Beispielsweise wurden sie dazu gezwungen ihr Erbrochenes wieder zu essen. Wie im Gefängnis gab es die Älteren, die Frischankömmlinge brutal misshandelten, einfach weil es bei ihnen auch so war. Die Nonnen sahen weg, weil sie sich bei der Einschüchterung somit nicht selbst die Hände schmutzig machen mussten. Waren sie später noch immer widerspenstig und ungehorsam, kamen sie in die "Korrektion". Das war ein Verlies im Keller, wo man eine Art Einzelhaft absitzen musste. Der Raum war kalt, dunkel und ohne Möbel. Abends wurde ein Strohsack hineingeworfen, der in der Früh wieder abzugeben war.

Die Insassinnen mussten den ganzen Tag schwere Arbeit leisten. So gesehen war diese Anstalt ein Zwangsarbeitslager, in dem einem die Identität geraubt wurde. Den persönlichen Namen mussten die Mädchen beim Eintritt abgeben genauso wie die eigene Kleidung. Stattdessen mussten sie in die taubengraue, kratzige Anstaltskleidung schlüpfen. Unterhose gab es eine pro Woche, die am Ende kontrolliert wurde, ob sie eh nicht schmutzig ist. Warmwasser beim Duschen war die Ausnahme. Wenn es Besuch der Behörden gab, wurde alles schön hergerichtet und es gab gutes Essen. Aber nur dann. Der Alltag bestand aus Gebet, harte Arbeit und Erniedrigung mit den Worten: „Wir können mit euch machen was wir wollen, denn euch mag draußen eh niemand, sonst wärt ihr nicht hier.“

Als kurze Zeit später die Adoptivgroßmutter stirbt, bekommt meine Mutter nur einen Tag Ausgang für das Begräbnis. Während ihre Adoptivmutter oft geschäftlich zu tun hatte, war es sie, die fast immer für das Mädchen da war. Mit 19 Jahren erreichte sie dann die Großjährigkeit und wurde in die Freiheit entlassen. Ihrer Adoptivmutter ging es da gesundheitlich schon sehr schlecht und das Haus war noch immer nicht fertig gebaut. Ganz im Gegenteil, weil es nicht fertig war, wurde es schon wieder leicht baufällig. Doch statt Geld für die Instandsetzung gab es nur Schulden. Nur vier Monate nach der Entlassung stirbt auch die Adoptivmutter. Die Nacht nach dem Begräbnis übernachtete meine Mutter am Friedhof neben dem Grab.

Schon bald darauf meldeten sich die Gläubiger, bei der sich ihre Adoptivmutter Geld ausgeliehen hatte. Haus und Grund waren die einzigen Dinge von Wert. Das Gericht entschied, dass alles verkauft werden muss, damit die Gläubiger ihr Geld bekommen. Meine Mutter sollte dafür eine kleine Wohnung in Wien erhalten. Ein Termin wurde auch fixiert, bis zu dem eine erste hohe Rate fließen sollte, sonst würde die Versteigerung in die Wege geleitet. Meine Mutter hatte ganz allein mit ihren 19 Jahren keine Möglichkeit ohne Berufsausbildung diese hohe Summe in der kurzen Zeit aufzutreiben.

Hier gab es eine Weiche in ihrem Leben. Entweder die Chance mit der Wohnung nützen, was bedeutet schuldenfrei ein neues Leben in Wien zu beginnen mit einer Ausbildung zum Traumberuf Krankenschwester oder den Versuch wagen, fristgerecht das Geld zum Gericht zu bringen. Sie entschied sich für letzteres und ebnete damit den Weg in die Prostitution. Sie verkaufte ihre Seele für ein Stück Land, das davor eine Müllhalde war, mit einem unfertigen Haus darauf und einem Haufen Schulden.

Meine Mutter mit 17 Jahren
Das neu erbaute Haus, wie es im besagten Zeitraum aussah

Dienstag, 17. September 2013

Meine Mutter

Jene Person, über die ich bis dato am wenigsten geschrieben habe, ist meine Mutter. Sie ist die zentrale Figur in dieser Geschichte. Deshalb habe ich sie mir für zuletzt aufgehoben. Mit ihrem Leben sind alle bisherigen Episoden verwoben. Was nun kommt wird einiges erklären, aber es ist keine Entschuldigung für das Leid, das sie mir zugefügt hat. Wie jeder Mensch hatte auch sie immer mehrere Entscheidungsmöglichkeiten und als erwachsene Person muss auch sie die Konsequenzen ihres Handelns zu hundert Prozent verantworten – bis zum heutigen Tag.

Meine Mutter wurde als Elisabeth Lanzenbacher am 14. März 1944 geboren, also mitten im Krieg. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon zwei um ein paar Jahre ältere Geschwister in der Familie. Ihre Eltern lebten als Bauern und bestellten einen Hof in Atzling, nahe Pyhra bei St. Pölten. Ihr Vater war Soldat. Auf einem Heimurlaub war die Hochzeit mit seiner schwangeren Frau geplant. Doch eine Biene stach ihn im Gesicht, das daraufhin so sehr anschwoll, dass die Hochzeit auf den nächsten Heimurlaub verschoben wurde. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen, er kam nie wieder aus Russland zurück. Und so kam meine Mutter als Halbwaise zur Welt. Der entbindende Dorfarzt kam zu dem Schluss, dass der jungen Mutter sicher alles über den Kopf wachsen würde. Ohne Mann zwei Kinder aufziehen und noch den Hof bestellen wäre schon genug Herausforderung. Da passte ein Neugeborenes nicht hinein. Deshalb leitete er eine Adoption in die Wege.

Adoptiert wurde sie von einer Frau, die zwar mit keinem Mann liiert war, aber noch mit ihrer Mutter zusammen lebte. Somit hatte meine Mutter eine Mama und eine Oma gewonnen. Eine fixe männliche Bezugsperson fehlte aber. Ihre neue Mutter war Geschäftsfrau und hatte einen Modezeitschriftenverlag. Das besondere an den Heften war, dass darin Schnitte für die selbständige Erzeugung von Kleidungsstücken abgedruckt waren. Gemeinsam mit einer Nähanleitung konnte frau damit ein Stück Stoff zu einem neuen Kleidungsstück verarbeiten. Nach dem Krieg hatten wenige Familien das Geld für Gewand aus dem Kaufhaus. Somit waren diese Hefte begehrt. Sie lebten zu dritt in einer Wohnung eines Mehrfamilienhauses in Gablitz. Das Geschäft lief gut und deshalb sollte ein Haus her. Ihre Adoptivmutter pflegte immer wieder Beziehungen zu Männern.

Einer dieser Männer, sein Name war Weidinger und von Beruf Polizist, spielte dann eine nicht unwesentliche Rolle in ihrem Leben. Er hatte schon eine Tochter aus einer vorangegangenen Beziehung. Diese brachte er in die Verbindung zur Adoptivmutter ein. Immer wenn meine Mutter mit ihr gemeinsam unterwegs war musste sie als die ein wenig ältere der beiden auf sie aufpassen. Dieser Mann entsprach dem Klischee des bösen Stiefvaters. Bei Vollmond betrank er sich, kam dann in der Nacht nach Hause, wurde aggressiv und war in Prügellaune. Er schlug sie oft, auch ungerechtfertigter weise, wenn seine Tochter etwas angestellt hatte, und benachteiligte sie wo er nur konnte. Zu den Strafen gehörte auch das Knien auf einem Sack mit rohen Erbsen. Mit ihm begann ihre Adoptivmutter ein Haus in Purkersdorf zu bauen. Als es fast fertig war beschloss er, wieder zu der Mutter seiner Tochter zurück zu kehren. Im Zuge dessen stellt er die gesamten Arbeitsstunden am Haus inklusive Aufstellung mit jeweiligem Datum in Rechnung. Als hätte er das von Anfang an geplant gehabt. So viel Geld war flüssig nicht verfügbar und somit wurde der erste Kredit aufgenommen. Ein fataler Fehler, denn mit dem Wirtschaftsaufschwung brach auch das Geschäft mit den Modezeitschriften ein, was ein späteres, wiederholtes Aufstocken des Kredits unumgänglich machte. Also anstatt die Schulden abzubauen, wurden sie stetig mehr.

Einmal war „der Weidinger“, wie sie ihn bis heute nennt, mit meiner Mutter aus irgendeinem Grund allein im Wald unterwegs. Sie war damals 12 oder 13 Jahre alt. Er nützte die Gelegenheit und betatschte sie anzüglich. Sie ließ es sich gefallen, sagte aber dann, sie würde es verraten, wenn er sie weiter so schlecht behandle. Ab dann war es besser mit ihm. Die Lektion war, dass sie mithilfe ihres begehrenswerten Körpers bei Männern das erreichen kann, was sie will. Mit dieser Erkenntnis ging sie raus in die Welt und stürzte sich in ihr junges Leben. Aber scheinbar nicht so, wie es sich zu dieser Zeit für einen weiblichen Teenager gehörte, denn das Jugendamt wurde auf sie aufmerksam.

Damals war sie jung, wild, ungehorsam und trieb sich schon mit Buben herum. Heutzutage wäre ihr Verhalten ganz normal. Doch die Fürsorge steckte das „schlimme Mädchen“ zur Strafe ins Kloster zum Guten Hirten in Obersiebenbrunn. Ohne Vorankündigung wurde sie in einer Nacht- und Nebelaktion in der Silvesternacht 1957 auf 1958 von der Polizei im Nachthemd abgeholt. Ihre Mutter konnte nichts dagegen tun. Im Erziehungsheim musste sie sechsmal am Tag beten. Eines Tages fiel sie in der Kirche um. Was sie damals nicht wusste: Sie war schwanger, aus der Zeit vor dem Heim. Der Mann, mit dem sie zu dieser Zeit in Beziehung war bekannte sich zu dem Ungeborenen. Er war schon 24 Jahre alt und hatte eine abgeschlossene Lehre. Gemeinsam mit der Adoptivmutter wollte er mit einem Strauß Blumen seine schwangere Freundin besuchen, doch die Verantwortlichen ließen ihn nicht zu ihr. Ihnen wurde gesagt, dass sie beide zu jung für eine Elternschaft wären. Da half es auch nichts, dass sich die Schwiegereltern sogar bereit erklärten, das Kind die ersten Jahre in Pflege zu nehmen. Meiner Mutter wurde der Kontakt zu ihm verboten, und weil nicht klar war, wann sie aus dem Heim entlassen wird, ging die Beziehung in die Brüche.

Doch nicht schon genug des Unglücks, erpressten sie die junge Mutter mit ihrer zuvor geraubten Freiheit. Sie schlugen ihr folgenden Deal vor: Sobald das Baby geboren ist gibt sie es zur Adoption frei und an jenem Tag, an dem neue Eltern gefunden sind, bekommt sie ihre Freiheit zurück und wird nach Hause entlassen. Ein Deal, wie aus der Feder des Teufels, untergebracht war sie aber bei Nonnen. Als 14-Jährige war ihr die Freiheit wichtiger. Sie willigte also ein und musste darüber hinaus noch unterschreiben, dass sie nie Nachforschungen nach ihrem Sohn anstellen würde.

Noch schwanger wurde sie in ein Mütterheim nach Graz gebracht, in dem es strikte Arbeitszeiten gab: 7:30 bis 12 Uhr und 13:30 bis 18 Uhr. Wochenlang strickte sie Pullover. Wenn sie sich beeilte, ging sich einer am Tag aus. Eine Strickwarenfirma ließ die frische Ware abholen. Das ist Zwangsarbeit, wie sie damals für viele jungen Menschen triste, alltägliche Realität war. Für schlechte Kost und Logis. Als Pensionszeiten wurden diese Jahre später nicht angerechnet. Ein Missstand, der bis heute noch von keiner Regierung ausgeräumt wurde.

Sie arbeitete bis zur Entbindung und gleich nach der Geburt ging es weiter. Eine alte Schwester passte auf ihren Buben auf, während sie bügelte, die immer gleiche Naht einer Schürze mit der Maschine steppte oder Taschentücher mit der Hand säumte. Abends nach der Arbeit schaute sie jeden Tag nach ihrem Baby. Doch eines Tages, als er zehn Monate alt war, ist das kleine Bettchen leer. Im ersten Moment ein Schock. Doch gleichzeitig wusste sie, dass sie bald wieder zu Hause bei ihrer Mutter und Großmutter sein würde. Aber das Wiedersehen war von einer beunruhigenden Neuigkeit überschattet. Bei ihrer Mutter war zwischenzeitlich Krebs diagnostiziert worden.

Nach dem Verlust einer Lehre zur Steuerberaterin, weil sie ein Mal am Montag nicht erschienen war, fing sie in einer Textilfabrik in der Färberei an zu arbeiten. Dann las sie von einem Ort in Italien, wo es angeblich eine Klinik gibt, die den speziellen Krebs ihrer Mutter heilen kann. Dafür bräuchte sie aber 5.000 Schilling. Für damalige Verhältnisse ein Vermögen.

Weidinger ganz rechts, seine Tochter ganz links. Adoptivmutter hinter Adoptivoma, rechts daneben meine Mutter
Meine Mutter mit ihrem ersten Sohn