Mittwoch, 21. August 2013

Die besten Jahre meiner Kindheit

An die Zeit bei Frau Hartl kann ich mich nicht mehr erinnern. Obwohl sie nur eine Lizenz für Babys bis zwei Jahre hatte, durfte ich als Stamm- und Dauergast bis ich zweieinhalb Jahre alt war dort bleiben. Auch weil es für meine Eltern sehr schwer war, eine Nachfolgeeinrichtung für mich zu finden.

In diesem Zusammenhang sei auch einmal das Jugendamt erwähnt: Als ich zur Welt kam waren meine Eltern nicht verheiratet. Damals war es noch üblich, dass das Jugendamt unverheirateten Eltern einen Hausbesuch abstattet. Die Dame vom Jugendamt, damals Fürsorgerin genannt, fand mich gebadet und gepflegt in einem Einfamilienhaus mit Garten vor. Das reichte ihr. Wie es mir sonst ging und meine Lebensumstände waren scheinbar nicht so wichtig. Ganz im Gegenteil. Bei der Suche nach einer Nachfolge von Frau Hartl war die Fürsorgerin dann sogar behilflich. Es gab von ihr ein paar Vorschläge für Teilzeitpflegeeltern. Bei ein bis zwei davon war meine Mutter auch zu Besuch, bis die richtige Unterbringung gefunden war dauerte es aber.

Bei Familie Knotz wurden sie dann fündig. Herr und Frau Knotz waren schon in Pension. Er war früher Vertreter für sonst was und fuhr mit einem VW Käfer durchs Land. Er spielte darüber hinaus Violine und malte Aquarelle. Sie kam aus einer adeligen Familie, die aber alles verloren hatte, angeblich wurden sie irgendwann enteignet. Somit war nichts mehr da vom Glanz vergangener Zeiten. Das machte sie verbittert. Ich habe sie auch als eher zurückgezogen in Erinnerung. Herr Knotz kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder. Es lebten nämlich zwei der vier oder fünf Enkelkinder bei ihnen. Die Eltern waren mit so viel Nachwuchs überfordert und gaben Hari und Isabella an die Großeltern ab. Hari war zwei Jahre älter als ich und bei Isabella waren es fünf bis sieben. Für mich waren die beiden wie Geschwister.

Mein neues Zuhause war stilvoll aber schmuddelig. Es gab Bilder an der Wand, Teppiche am Boden und das Haus hatte Altbauflair. Es steht heute noch. Jetzt gibt es dort ein Blumengeschäft und ein Fotostudio. Es liegt an der Grenze zwischen Tullnerbach und Pressbaum, gegenüber vom Billa. Adresse ist Hauptstraße 49. Es gab einen Hund und mindestens eine Katze, ein Aquarium mit bunten Fischen und genug Grün zum Spielen in der Umgebung. Einzig mein Schlaf-/Kinderzimmer war sehr klein und hatte kein Fenster. Hari und ich schliefen in einem Stockbett gemeinsam. Er unten und ich oben. Als ihm die Milchzähe ausfielen bat er mich immer beim Einschlafen eine Geschichte zu erzählen, so lange bis er den Zahn draußen hatte.

Tagsüber waren Hari und Isabella in der Schule. Somit genoss ich die vollste Aufmerksamkeit von Herrn Knotz, den ich kurz Opa nannte. Ich spürte, dass auch er mich sehr mochte. Vielleicht sogar mehr als seine eigenen Enkelkinder. Sie war die große Oma, denn in Purkersdorf gab es noch die kleine Oma, die Mutter meines Vaters. Die Knotz brauchten dringend das Geld, das ihnen meine Mutter für meine Unterbringung zahlte. Die Pensionen der beiden war nicht hoch und vier Menschen (mit mir dann fünf) zu verpflegen kostetet mehr als sie hatten. Oft bat Herr Knotz meine Mutter schon lange vor dem Monatsersten um das Geld für den nächsten Monat.

Unterm Strich waren das die besten Jahre meiner Kindheit. Ich hatte alles was ich brauchte und war von jeglicher Verpflichtung bzw. Struktur (wie Kindergarten oder später Schule) entbunden. Leider war dieses Idyll nur von kurzer Dauer. Nach drei Jahren bei der Familie Knotz traf mich die Realität dafür umso härter. Doch dazu mehr im nächsten Blog-Eintrag.

Im Hof des Hauses Knotz: Hr. Knotz, Hari und ich in der Mitte

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